Filmkritik: Eine moralische Entscheidung (Kinostart: 27.06.19)

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Originaltitel: No date, no signature
Gesehen: 2D, OmU, persisch, Kino

In den vergangenen Jahren, seit der Iranischen Revolution 1979 schaffen es zunehmen auch Filme aus dem großen Westasiatischen Land auf die internationale Filmbühne. Dabei ist dies häufig nicht leicht, da viele Produktionen aus religiösen und gesellschaftlichen Gründen verboten werden. In Deutschland hat zum Beispiel Jafar Panahi große Bekanntheit durch die Berlinale erreicht. Dieter Kosslick lud ihn mehrfach zu dieser ein, doch erhielt Panahi 2010 eine sechsjährige Haftstrafe sowie ein zwanzigjähriges Berufs- und Reiseverbot. Somit wird immer wieder versucht seine Filme außer Landes zu schmuggeln und damit ein enormes Risiko eingegangen.
Der noch verhältnismäßig „junge“ Nachwuchsregisseur Vahid Jalilvand hat bisher nur zwei Produktionen auf den Markt gebracht, bei denen es bisher keine größeren Konflikte gab. 2015 veröffentlichte er das Werk „Wednesday, May 9“, welches sofort für internationale Aufmerksamkeit sorgte und mit dem Fipresci-Preis (Preis von internationalen Filmkritikern und Filmjournalisten) sowie dem Interfilm-Preis von Venedig ausgezeichnet wurde.

Ist der Junge wirklich an den Folgen des Unfalls gestorben?

Der vorbildliche und rechtschaffende Mediziner Kareh Nariman (Amir Agha’ee) befindet sich nach einem langen anstrengenden Arbeitstag auf dem Heimweg. Während er gewissenhaft auf der Autobahn unterwegs ist, nähert sich von hinten ein Rowdy, der bei seinem Überholvorgang Kaveh dazu zwingt, der gefährlichen Situation auszuweichen. Währenddessen hat dieser jedoch nicht gemerkt, dass ein Motorradfahrer mit seiner Familie in gefährlicher Reichweite zu ihm fährt. Als Kaveh dieses bei seiner Ausweichaktion rammt, geschieht ein tragischer Unfall, der jedoch recht glimpflich für alle Beteiligten endet. Abgesehen von dem jungen Amir, der eine leichte Kopfwunde davonträgt. Vollkommen engagiert und rührselig behandelt Kaveh den Jungen sofort nach besten Kräften und drängt den Vater sofort ihn ins nahegelegene Krankenhaus zu fahren. Für die ganzen Probleme drängt der Autofahrer dem Opfervater ein wenig Geld auf und ist versucht jegliche Schäden zu übernehmen und zu helfen wo er kann. Nach einigem Hin und Her willigt der Vater in das Geldangebot ein.
Als Kaveh am nächsten Morgen seine Arbeit antritt, immer noch in Sorge um den Jungen, wird ihm beiläufig mitgeteilt, dass ein Junge mit einer Kopfwunde eingeliefert wurde und nun tot auf dem Leichentisch liegt. Er schaltet schnell und untersucht diese Information in Windeseile. Voller Selbstvorwürfe erfährt er jedoch, dass die Todesursache eine Lebensmittelvergiftung sein soll. Die Zweifel sind groß und der Arzt beginnt seine Ermittlungen, um für sich die Schuldfrage zu lüften.

An sich gibt es nicht viel zu dieser recht aufreibenden iranischen Geschichte zu sagen. Von Beginn an ist auffällig, dass die Bilder recht farblos wirken, fast schon schwarz/weiß. Dies mag mit dem Spielort zusammenhängen, an dem Licht und Schatten eine wesentliche Rolle einnehmen. Immer wieder gibt es scheinbar kleinere Zeitsprünge, die ein wenig für Verwirrung sorgen, da immer nur schwer abschätzbar ist, wie viel zeit genau vergangen ist.
Sehr stark sind die Gefühlsaktivitäten des vermeintlichen Täters, insbesondere die Gewissensbisse, die den Mann nach dem Tod des Jungen plagen, sowie der Wandel von diesem Emotionschaos in pure Jähzornigkeit gegenüber des möglicherweise tatsächlichen Schuldigen. Doch auch der Vater des toten Jungen durchlebt diese Kriese auf seine ganz eigene, gut geschauspielerte stille Art.
Immer wieder werden einige kleine Filmstilistischen Mittel eingesetzt, um die entsprechende Szene stärker zu fokussieren. Auffällig ist zum Beispiel eine Sequenz, in der die Kamera ausschließlich auf den Rückspiegel eines Autos gerichtet ist, während keinerlei Töne die Spannung auf das Bilgeschehen unterbrechen.
Es ist ebenfalls wunderbar gelungen, dieses dramatische Problem von allen Seiten zu beleuchten und auch die Folgen für die jeweiligen Parteien mit einzubeziehen. Abgesehen davon und von einigen emotionsgeladenen Ausrastern, ist der Handlungsablauf eher ruhig gestaltet und deutlich mehr von Dialogen geprägt.
Diese Produktion wird wohl eher die typischen Arthouse-Gucker ansprechen und Mainstreambegeisterte recht enttäuschen. Dennoch spiegelt sich hier eine recht spannende Entwicklungsgeschichte wider, die die Emotionsbewältigung hervorragend zeigt.

Humor: 0/10Action: 2/10Erotik: 0/10
Niveau: 7/10Gefühl: 3/10Musik: 1/10
Spannung: 3/10Gewalt: 0/10Idee: 7/10

Gesamtbewertung: 7/10

Viel Spaß im Kino!

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