Filmkritik: Traumfabrik (Kinostart: 04.07.19)

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Gesehen: 2D, deutsch, Kino

Studio Babelsberg ist eine sehr beliebte Sehenswürdigkeit der Deutschen. Doch nicht nur dass, es ist Teil der Medienstadt Babelsberg, die eine Größe von etwa 46 Hektar aufweist und zählt gegenwärtig zu den umsatzstärksten Großatelierstudios in Europa.
Das Studio Babelsberg selbst erstreckt sich über eine Fläche von zirka 160.000 m² auf denen sich 20 Studios befinden, die den größten zusammenhängenden europäischen Filmstudiokomplex bilden. Eine weitere Einmaligkeit in Europa verzeichnet dieses Gelände durch die modulare Hybridkulisse.
Doch auch weltweit genießt es großes Ansehen, denn es ist das älteste Großatelier-Filmstudio unseres Planeten und beherbergt bereits unzählige hochkarätige Produktionen. Zu den bekanntesten und erfolgreichsten gehören in jüngster Zeit „Sonnenallee“, „Inglourious Basterds“, „Eddie the Eagle“, „Monuments Men“, „Das Bourne Ultimatum“, „Operation Walküre“, „Cloud Atlas“ und „Der Ghostwriter“ sowie die Oscar prämierten Filme „Die Fälscher“, „Der Vorleser“ und „Grand Budapest Hotel“.
Auch der Film, um den es hier geht, hat seine Wurzeln in Babelsberg und ist die erste Eigenproduktion nach über 20 Jahren.
Dafür haben die Macher ein ganz besonderes Team zusammengestellt. Zuvor hat Regisseur Martin Schreier noch nicht die ganz große Produktionserfahrung sammeln dürfen, hat aber mit Emilia Schüle, Dennis Mojen, Ken Duken, Heiner Lauterbach, Michael Gwisdek, Oliver Korittke und vielen weiteren ein mehr als kompetentes Schauspielerensemble hinter sich stehen. Vor allem Emilia Schüle bringt mit ihren fast 26 Jahren als eins der erfolgreichsten Nachwuchstalente des deutschen Films sehr viel Professionalität mit in das Werk.

Nachdem Emil (Dennis Mojen) vor kurzem die NVA verlassen hat, steht er nun vor den Toren der glorreichen Filmproduktionsstudios Babelsberg, in dem sein Bruder Alex (Ken Duken) im Bereich Kulissenbau tätig ist. Unschlüssig, was er mit seinem Leben anfangen soll, bekommt Emil dank seines Bruders die Chance als Kleindarsteller in dieser renommierten Einrichtung anzufangen. Fasziniert von dem ganzen Zauber, der das Filmleben ausmacht, begegnet er zufällig der französischen Tänzerin Milou (Emilia Schüle), die für die große Schauspielerin Beatrice Morée (Ellenie Salvo Gonzáles) als Tanzdouble und Assistentin arbeitet. Schlagartig verliebt sich der junge Mann und auch Milou scheint nicht abgeneigt. Doch plötzlich steht ihnen ein großes Problem im Weg zu ihrem gemeinsamen Glück: Der Bau der Ost-West-Mauer in Deutschland und die damit verbundene Schließung der Grenzen, die durch schießbereite Soldaten bewacht wird. Milou, die sich im Westen befindet, reist daraufhin zurück in ihre Heimat nach Frankreich, während Emil beginnt Pläne zu schmieden, wie er seine Angebetete wiedersehen kann. Nach einem deprimierenden Abend an dem viel Alkohol floss und die ein oder andere Tat ihm seinen zukünftigen Weg ebnete, hat er die grandioseste Idee. Er produziert einen völlig eigenen Film mit Beatrice Morée in der Hauptrolle. Doch wie soll er das anstellen? Er ist doch nur ein einfacher Komparse, der noch dazu nach einem Missgeschick hochkant herausgeworfen wurde.

Es geht nicht darum, ob das was auf der Leinwand geschieht echt ist, es geht darum, was man fühlt, wenn man im Kino sitzt. Die Gefühle, die sind echt!

Dennis Mojen

Nur selten haben es so viele Notizen auf meinen Schmierzettel geschafft wie bei diesem Film. Ob das gut oder schlecht ist, werdet ihr sicherlich recht schnell feststellen.
Das Werk spielt im Jahr 1961, welches politisch bekanntermaßen ein sehr wichtiges für die deutsche Geschichte war. Diese Ereignisse greift die Produktion auch auf, setzt diese jedoch nicht in den Fokus der Handlung. Dadurch entstehen möglicherweise auch einige Ungenauigkeiten, die jedoch gar nicht so schlimm sind, da die Ereignisse eher als Mittel zum zweck dienen und der Film nicht erst versucht eine wahre Geschichte zu erzählen. Somit ist es ein probates Mittel, ein reales Ereignis mit gewünschter Fiktion zu entfremden. Gleichzeitig ist der Film aber auch eine Hommage an das Studio Babelsberg und ehrt diesen kulturträchtigen Ort deutscher Geschichte.
Der eigentliche Zweck des Films jedoch ist die Erzählung einer äußerst romantischen, möglicherweise auch etwas kitschigen, Liebesgeschichte, die seines Gleichen sucht. Die Handlung regt wunderbar zum träumen an und die Figurenentwicklungen sind einfach fabelhaft zu beobachten. Schon der grundlegende Aufbau ist eine tolle Idee, denn Herr Gwisdek erzählt in der Gegenwart des 21. Jahrhunderts die gezeigte Geschichte aus den Jahren 1961 und 1962. Dabei findet die hauptsächliche Handlung in der Vergangenheit statt und insgesamt nur viel Mal wird zurück in die Gegenwart geblendet. Diese Unterbrechungen können als Anfang bzw. Ende eines jeweiligen Aktes der Geschichte angesehen werden, womit der Film also aus drei Akten besteht. Auch eine Überschrift ist jedem dieser Abschnitte zuordbar:
1. Akt: Vorstellung der Figuren und des Schauplatzes
2. Akt: Vorgeschichte zur Entstehung des Films
3. Akt: Filmdreh und endgültige Entscheidung
Die Kreativität der erzählten Story aus der Hauptgeschichte beruht jedoch weniger auf großem Einfallsreichtum, als auf dem Wunsch möglichst effektvolle Bilder mit wenig Arbeit und dennoch viel Aussage zu erzeugen. Dies ist auch größtenteils gelungen und es werden alle Register der Schnulzenhaftigkeit gezogen. Das dies jedoch nicht langweilig oder übertrieben wirkt, haben vor allem die vielen herausragenden deutschen Schauspieler zu verantworten. Es wäre kaum ein besserer Cast möglich gewesen, was vor allem an der Harmonie der Figuren miteinander deutlich zu spüren ist. Wirklich herausragend sind die vielen Gesichtsaufnahmen sowie die außergewöhnlich starke Mimik der einzelnen Personen. Damit wurde es problemlos geschafft sehr viel Geschichte zu erzählen und zu verpacken, ohne ein einziges Wort zu gebrauchen. Szenenweise hat Dennis Mojen sogar erkennbare Züge des jungen Leonardo DiCaprio in seiner Bravourrolle in Titanic.
Für die volle Entfaltung der brillant geschauspielerten Leistungen gehört natürlich noch einiges mehr als nur ein guter Cast. Erst die abwechslungsreichen Kamerafahrten, der leicht amerikanisierte Bildfilter und die zum Teil epochale Musikunterstützung sorgen für die endgültig geniale Filmgestaltung.
Auch ein wenig Mut zur Mehrsprachigkeit zeigt Regisseur Martin Schreier und ließ einige wenige Sequenzen in englischer beziehungsweise französischer Sprache drehen. Ein wenig sanfter und netter Humor bringt immer wieder etwas Abwechslung hinein und sorgt gelegentlich für einen kleinen Lacher.
Doch nicht alles ist so perfekt wie es scheint. Zum Ende hin haben die Produzenten wieder ein typisch deutsches Filmmuster aufgegriffen und den Schlusspunkt zu spät gesetzt. Exakt eine Szene früher hätte der Cut zur finalen Abschlussszene der Gegenwart kommen müssen, um ein offenes Ende zurückzulassen, welches sich eigentlich von alleine erzählt. Auch die eingesetzten Effekte wirkten zeitweise ein wenig Amateurhaft übertrieben und auch die Logik wird wieder etwas strapaziert, nur um eine größere Spannung zu erzeugen und den Film künstlich zu verlängern.
Ohne zu spoilern muss auf jeden Fall noch die wirklich überragende Szene erwähnt werden, in der der Protagonist das Set verlässt und alleine eine Straße entlang geht. Jede weitere Information wäre wohl zu viel verraten, doch dieser Moment verdient eine Würdigung angesichts der hochklassig dramatischen Story und einem überragenden Bildschnitt und Kameraeinsatz.

Insgesamt gesehen wird es viele geben, die diesen Film nicht mögen werden, zum einen weil es eine deutsche Produktion ist, zum anderen weil es eine schnulzige Romanze darstellt. Wer jedoch beides ganz gerne sieht, nicht so detailverliebt hinschaut und sich einfach von der Filmmagie treiben lässt, wird mit einem wirklich guten Film belohnt.

Humor: 4/10Action: 2/10Erotik: 5/10
Niveau: 6/10Gefühl: 9/10Musik: 9/10
Spannung: 6/10Gewalt: 0/10Idee: 10/10

Gesamtbewertung: 9/10

Viel Spaß im Kino!

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