JIM QUEEN – Mit viel Humor gegen Schubladendenken (Kinostart 24.09.2026)
(c9Manchmal braucht es keine schwere, dramatische Geschichte, um eine wichtige gesellschaftliche Botschaft zu vermitteln. Manchmal darf es laut, bunt, überdreht und ziemlich frech sein. JIM QUEEN ist genau so ein Film.
Im Mittelpunkt steht Jim, ein muskelbepackter schwuler Fitness-Influencer, der in Paris als Star der „Gym Queens“ gefeiert wird. Sein Körper, sein Auftreten und sein Leben entsprechen ziemlich genau dem Bild, das seine Community von ihm erwartet. Doch dann gerät diese Welt gehörig aus den Fugen.
Eine mysteriöse Epidemie breitet sich aus: die sogenannte „Heterose“. Schwule Männer werden plötzlich heterosexuell – und schließlich trifft es auch Jim.
Was zunächst wie die Grundlage für eine völlig durchgeknallte Komödie klingt, wird schnell zu einer herrlich absurden Umkehrung bekannter gesellschaftlicher Mechanismen. Denn plötzlich gehört Jim nicht mehr selbstverständlich dazu. Derjenige, der vorher bewundert wurde und scheinbar perfekt in seine Welt passte, erlebt nun selbst, wie schnell Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung in eine Schublade gesteckt werden.
An seiner Seite landet ausgerechnet Lucien. Er ist schüchtern, unsicher und schwul – geoutet hat er sich jedoch noch nicht. Vor allem gegenüber seiner Mutter verschweigt er, wer er wirklich ist und wen er liebt.
Denn in ihrem Weltbild passt ein homosexueller Sohn nicht zu ihrer Vorstellung davon, was einen „richtigen Mann“ ausmacht.
Und genau hier wird JIM QUEEN trotz all seines Humors plötzlich erstaunlich ernst. Denn hinter Luciens Unsicherheit steckt etwas, das für viele Menschen Realität ist: die Angst, von der eigenen Familie nicht mehr auf dieselbe Weise gesehen oder akzeptiert zu werden, sobald man offen zu seiner Sexualität steht.
Auf der anderen Seite steht Jim: selbstbewusst, muskulös, laut und daran gewöhnt, im Mittelpunkt zu stehen.
Zwei Männer also, die auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein könnten – und genau aus diesem Gegensatz zieht JIM QUEEN einen großen Teil seines Charmes.
Klischees? Jede Menge!
Der Film spielt geradezu hemmungslos mit Klischees.
Fitnesswahn, Körperkult, Männlichkeitsbilder, Sexualität und unterschiedliche Typen innerhalb der queeren Community werden teilweise gnadenlos überzeichnet. Vieles ist bewusst schrill und manchmal wird ein Klischee so lange ausgereizt, bis auch wirklich der Letzte verstanden hat, worauf der Film hinauswill.
Normalerweise kann genau das schnell unangenehm werden.
Bei JIM QUEEN hatte ich jedoch nicht das Gefühl, dass sich der Film über seine Figuren lustig macht. Vielmehr macht er sich gemeinsam mit ihnen über die Schubladen lustig, in die Menschen so gerne gesteckt werden.
Und dabei bekommt auch die queere Community selbst ihr Fett weg. Denn Ausgrenzung, Vorurteile und festgefahrene Vorstellungen darüber, wie jemand auszusehen oder sich zu verhalten hat, existieren eben nicht ausschließlich außerhalb einer Community.
Gerade das macht den Film für mich sympathisch.
Er sagt nicht einfach: Hier sind die Guten und dort sind die Menschen mit den Vorurteilen. Stattdessen hält er unterschiedlichen Seiten immer wieder einen kleinen Spiegel vor – meistens mit einem ziemlich breiten Grinsen.
Eine absurde Idee mit einem ernsten Kern
Die Idee einer Krankheit, durch die homosexuelle Menschen plötzlich heterosexuell werden, ist natürlich vollkommen absurd. Aber genau durch diese Umkehrung funktioniert die Geschichte.
Denn über Jahrzehnte wurden homosexuelle Menschen pathologisiert und ihre sexuelle Orientierung teilweise als etwas betrachtet, das angeblich behandelt oder „geheilt“ werden müsse.
JIM QUEEN dreht diese Vorstellung einfach um.
Plötzlich ist es die Heterosexualität, die als Krankheit betrachtet wird. Damit spielt der Film ganz bewusst mit gesellschaftlichen Vorstellungen von „normal“ und „anders“.
Gleichzeitig zeigt Luciens Geschichte noch eine andere Seite davon: Was passiert mit einem Menschen, wenn die Erwartungen der eigenen Familie so groß sind, dass er glaubt, einen wichtigen Teil seiner Persönlichkeit verstecken zu müssen?
Gerade das Bild des „richtigen Mannes“, das seine Mutter vertritt, ist dabei entscheidend. Denn was soll ein „richtiger Mann“ überhaupt sein?
Muskulös? Stark? Heterosexuell? Möglichst emotionslos?
JIM QUEEN nimmt solche Vorstellungen auseinander – allerdings nicht mit einer großen gesellschaftspolitischen Rede, sondern mit Humor, Überzeichnung und jeder Menge Klischees.
Jeder Mensch hat das Recht, er selbst zu sein
Und genau an diesem Punkt hat mich der Film bekommen.
Denn jeder Mensch hat das Recht, so zu sein, wie er sein möchte. Jeder Mensch hat das Recht, den Menschen zu lieben, den er liebt – vollkommen unabhängig davon, welches Geschlecht dieser Mensch hat.
Niemand sollte sich dafür rechtfertigen müssen.
Und vor allem sollte niemand Angst davor haben müssen, der eigenen Familie zu zeigen, wer er wirklich ist, weil er befürchten muss, anschließend nicht mehr in deren Vorstellung eines Sohnes, einer Tochter oder eines „richtigen Mannes“ zu passen.
Eigentlich sollte all das im Jahr 2026 längst selbstverständlich sein. Dass es das noch immer nicht überall ist, zeigt, warum Geschichten über Akzeptanz und Vielfalt weiterhin ihren Platz im Kino haben.
Und vielleicht brauchen wir dabei sogar häufiger Filme wie JIM QUEEN.
Nicht immer muss eine solche Geschichte schwer und tragisch erzählt werden. Auch Humor kann Vorurteile sichtbar machen. Manchmal erreicht ein herzhaftes Lachen Menschen sogar eher als der erhobene Zeigefinger.
Nicht perfekt – aber mit viel Herz
Natürlich ist JIM QUEEN kein perfekter Film.
Einige Gags sind vorhersehbar, manche Klischees werden vielleicht einen Tick zu lange ausgereizt und wer mit überdrehtem Humor grundsätzlich wenig anfangen kann, dürfte an einigen Stellen die Augen verdrehen.
Doch das Herz des Films sitzt für mich am richtigen Fleck.
Hinter all den Muskeln, schrillen Figuren, sexuellen Anspielungen und der vollkommen verrückten Geschichte geht es letztlich um etwas sehr Menschliches: akzeptiert zu werden – und gleichzeitig andere Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind.
Vielleicht liegt genau darin die schönste Ironie des Films:
JIM QUEEN steckt seine Figuren zunächst genüsslich in jede nur erdenkliche Klischeeschublade – um am Ende zu zeigen, warum kein Mensch in eine solche Schublade gehört.
Der Film erfindet das Kino nicht neu. Das muss er aber auch gar nicht.
Er unterhält, bringt zum Lachen und schafft es gleichzeitig, eine Botschaft zu transportieren, die eigentlich gar keine besondere Botschaft mehr sein sollte:
Liebe ist Liebe.
Und solange zwei Menschen glücklich miteinander sind, sollte es für den Rest der Gesellschaft vollkommen egal sein, wen sie lieben.
JIM QUEEN erzählt davon laut, bunt, frech und mit jeder Menge Klischees – aber eben auch mit unglaublich viel Herz.
Und genau von solchen Filmen können wir in unserer Gesellschaft ruhig ein paar mehr gebrauchen.