„That’s Why the Lady Is a Champ“ – Die härtesten Kämpfe finden nicht immer im Ring statt

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Mit „That’s Why the Lady Is a Champ“ kommt die außergewöhnliche und zugleich erschütternde Lebensgeschichte der amerikanischen Boxlegende Christy Martin auf die große Leinwand. Sydney Sweeney übernimmt die Hauptrolle einer Frau, die in den 1990er-Jahren in einer von Männern dominierten Sportwelt Geschichte schrieb. Doch während Christy im Ring lernte, Schläge einzustecken und wieder aufzustehen, erwiesen sich die Kämpfe außerhalb des Rings als die weitaus gefährlicheren.

Regisseur David Michôd erzählt dabei weit mehr als die klassische Geschichte vom sportlichen Aufstieg eines Underdogs. Hinter Boxhandschuhen, Meisterschaften und öffentlichem Ruhm verbirgt sich die Geschichte einer Frau, die über Jahre darum kämpfen musste, überhaupt sie selbst sein zu dürfen.

Christy Martin wächst in West Virginia auf und besitzt früh eine enorme sportliche Begabung. Als sie schließlich das Boxen für sich entdeckt, zeigt sich schnell, dass sie etwas Besonderes mitbringt. Sie besitzt Kraft, Ehrgeiz und jene natürliche Präsenz, die Menschen dazu bringt, hinzusehen.

Doch Ende der 1980er- und in den 1990er-Jahren ist Frauenboxen weit davon entfernt, gesellschaftlich selbstverständlich zu sein. Eine Frau im Boxring muss nicht nur ihre Gegnerin besiegen. Sie muss gleichzeitig beweisen, dass Frauen überhaupt in diesen Sport gehören.

Und genau hier beginnt eine der interessantesten Ebenen des Films.

Eine Frau, die in kein gesellschaftliches Bild passt

Christy entspricht gleich in mehrfacher Hinsicht nicht dem Bild, das ihre Umgebung von einer jungen Frau erwartet.

Sie ist laut, kämpferisch, körperlich stark und will boxen.

Und sie liebt Frauen.

Doch zu der Zeit, in der Christy aufwächst, war es gesellschaftlich leider noch lange nicht selbstverständlich, offen eine Frau zu lieben. Homosexualität wurde von vielen Menschen nicht als gleichwertige Form der Liebe akzeptiert, sondern als etwas betrachtet, das nicht der gesellschaftlichen Norm entsprach. Besonders in einem konservativ geprägten Umfeld konnte die Angst vor Ablehnung, Ausgrenzung und dem Urteil anderer dazu führen, dass Betroffene ihre Gefühle und ihre eigene Identität verbergen mussten.

Genau diesen gesellschaftlichen Druck macht der Film anhand von Christys Familie besonders deutlich.

Besonders deutlich wird dies in der Beziehung zu ihrer Mutter Joyce.

Als diese erfährt beziehungsweise ahnt, dass ihre Tochter eine Beziehung mit einer Frau hat, scheint eine Frage plötzlich wichtiger zu sein als Christys Glück:

Was werden die anderen Leute sagen?

Es ist die Angst vor der Außenwirkung.

Die Angst davor, wie Nachbarn, Bekannte und das gesellschaftliche Umfeld über die Familie sprechen könnten.

Die eigene Tochter ist glücklich – doch sie ist mit einer Frau glücklich. Und genau das darf offenbar nicht sein.

Joyce spricht von einem „normalen“ Leben für ihre Tochter. Hinter diesem vermeintlichen Wunsch verbirgt sich jedoch eine schmerzhafte Botschaft: Das Leben, das Christy selbst führen möchte, gilt in den Augen ihrer Mutter nicht als normal.

Genau darin liegt eine der gesellschaftlich stärksten Aussagen des Films.

Denn „That’s Why the Lady Is a Champ“ zeigt, was gesellschaftlicher Druck innerhalb einer Familie anrichten kann. Die Angst vor dem Urteil anderer Menschen wird so groß, dass nicht mehr gefragt wird, was dem eigenen Kind guttut.

Stattdessen wird Anpassung verlangt.

Christy soll nicht einfach glücklich sein.

Sie soll so glücklich sein, dass es nach außen „richtig“ aussieht.

Lieber der richtige Mann als die falsche Frau

Diese Haltung bekommt später eine geradezu bittere Dimension.

Christys Trainer Jim Martin ist deutlich älter als sie. Aus dem Trainer wird ihr Partner und schließlich ihr Ehemann. Nach außen entsteht damit plötzlich genau das Bild, das gesellschaftlich akzeptiert wird: eine erfolgreiche Frau an der Seite eines Mannes.

Das vermeintlich „normale“ Leben.

Doch hinter dieser Fassade entwickelt sich zunehmend eine Beziehung, die von Kontrolle, Manipulation und schließlich massiver Gewalt geprägt ist.

Gerade deshalb gehört die Haltung von Christys Mutter zu den verstörendsten Aspekten der Geschichte.

Denn der Film stellt indirekt eine unbequeme Frage:

Wie kann eine Beziehung zwischen zwei Frauen als unnatürlich und falsch betrachtet werden, während gleichzeitig eine Beziehung zwischen einer jungen Frau und einem wesentlich älteren, zunehmend kontrollierenden Mann eher akzeptiert wird – nur weil es sich um einen Mann handelt?

Damit hält der Film nicht nur Christys Familie einen Spiegel vor, sondern einer ganzen Gesellschaft.

Die Fassade stimmt.

Also wird lange nicht genauer hingesehen.

Jim kontrolliert nicht nur Christys Leben – sondern auch ihr Bild

Ben Foster verkörpert Jim Martin als einen Mann, dessen Kontrolle nicht von einem Moment auf den anderen entsteht.

Gerade das macht die Entwicklung so beklemmend.

Am Anfang ist er der Trainer, der Christys Talent erkennt und ihr einen Weg in den professionellen Boxsport eröffnet. Damit entsteht gleichzeitig eine enorme Abhängigkeit.

Er ist Trainer.

Manager.

Partner.

Später Ehemann.

Und damit kontrolliert er zunehmend nahezu jeden Bereich ihres Lebens.

Besonders interessant ist, wie sehr diese Kontrolle auch Christys öffentliche Darstellung betrifft.

Sie soll weiblicher wirken. Ihre Haare, ihr Auftreten und ihr Erscheinungsbild werden Teil einer Vermarktungsstrategie. Denn eine Frau darf zwar plötzlich boxen – aber sie soll dabei bitte weiterhin einem gesellschaftlich akzeptierten Bild von Weiblichkeit entsprechen.

Auch hier zeigt der Film einen faszinierenden Widerspruch der damaligen Sportwelt.

Christys Stärke wird verkauft.

Ihre Individualität dagegen soll kontrolliert werden.

Aus der außergewöhnlichen Sportlerin wird zunehmend ein Produkt.

Die Ironie hinter „The Lady Is a Champ“

Der Titel bekommt dadurch eine zusätzliche Bedeutung.

Christy Martin wurde zu einer Frau, die den Boxsport für Frauen entscheidend mitprägte und enorme öffentliche Aufmerksamkeit erhielt. Sie bewies einem Millionenpublikum, dass Frauen im Ring genauso faszinieren können wie Männer.

Doch während die Öffentlichkeit die starke Kämpferin sieht, kennt kaum jemand die Frau hinter diesem Bild.

Das macht die Geschichte so tragisch.

Im Ring besitzt Christy scheinbar die Kontrolle.

Zu Hause verliert sie immer mehr davon.

Vor Tausenden Zuschauern kann sie eine Gegnerin niederschlagen – und gleichzeitig schafft sie es lange nicht, sich aus einer Beziehung zu befreien, die ihr selbst immer gefährlicher wird.

Der Film macht dabei etwas Wichtiges deutlich: Körperliche Stärke schützt einen Menschen nicht automatisch davor, Opfer psychischer oder körperlicher Gewalt zu werden.

Das Klischee, eine starke Frau könne doch einfach gehen oder sich wehren, wird durch Christys Geschichte geradezu brutal widerlegt.

Sydney Sweeney überrascht

Sydney Sweeney trägt diesen Film über weite Strecken auf ihren Schultern.

Wer sie hauptsächlich aus glamouröseren Rollen kennt, dürfte zunächst zweimal hinschauen. Ihre Darstellung versucht nicht, Christy Martin zu einer makellosen Heldin zu machen.

Das ist wichtig.

Diese Christy ist ehrgeizig, manchmal widersprüchlich, selbstbewusst und gleichzeitig tief verunsichert. Sie kann im Ring unglaublich dominant auftreten und wenige Stunden später im Privatleben klein und verletzlich wirken.

Gerade diese Gegensätze gehören zu Sweeneys stärksten Momenten.

Auch körperlich hat sie sich sichtbar auf die Rolle eingelassen. Die Boxszenen sollen nicht lediglich hübsch choreografiert aussehen. Man soll glauben können, dass diese Frau tatsächlich jahrelang im Ring gestanden hat.

Ben Foster bildet dazu einen unangenehm wirkungsvollen Gegenpol. Sein Jim muss nicht permanent schreien, um bedrohlich zu wirken. Viel gefährlicher ist das Gefühl, dass Kontrolle Stück für Stück zur Normalität wird.

Wo der Film noch tiefer hätte gehen können

So stark die wahre Geschichte ist, der Film schöpft nicht jede Ebene vollständig aus.

Gerade Christys Konflikt mit ihrer eigenen Sexualität und die gesellschaftlichen Mechanismen dahinter hätten noch mehr Raum verdient.

Denn hier steckt möglicherweise die spannendste Frage der gesamten Geschichte:

Was passiert mit einem Menschen, dem über Jahre vermittelt wird, dass ein wesentlicher Teil seiner Persönlichkeit falsch ist?

Irgendwann benötigt es nicht einmal mehr jemanden von außen, der diese Ablehnung ausspricht.

Die Scham wurde längst verinnerlicht.

Genau diese psychologische Ebene blitzt immer wieder auf, wird aber nicht konsequent genug vertieft. Das ist schade, denn Christys Geschichte hätte hier die Möglichkeit geboten, weit über das klassische Sport-Biopic hinauszugehen.

Mehr als ein Boxerfilm

Wer bei „That’s Why the Lady Is a Champ“ lediglich einen Film über Frauenboxen erwartet, unterschätzt die Geschichte.

Natürlich geht es um Sport.

Um Training.

Um Siege.

Um Niederlagen.

Um eine Frau, die sich ihren Platz in einer Männerdomäne erkämpft.

Aber im Kern erzählt der Film von etwas anderem: von Selbstbestimmung.

Christy kämpft praktisch ihr gesamtes Leben gegen Menschen, die bestimmen wollen, wer sie sein soll.

Die Gesellschaft möchte definieren, wie eine Frau auszusehen und sich zu verhalten hat.

Die Sportwelt möchte bestimmen, wie eine erfolgreiche Boxerin vermarktet werden muss.

Ihre Mutter möchte ein „normales“ Leben für sie – allerdings nach ihrer eigenen Definition von Normalität.

Und ihr Ehemann möchte schließlich nahezu jeden Bereich ihres Lebens kontrollieren.

Dazwischen steht eine Frau, die erst lernen muss, dass sie nicht dafür leben kann, den Vorstellungen anderer Menschen zu entsprechen.

Fazit

„That’s Why the Lady Is a Champ“ ist deshalb dann am stärksten, wenn der Film den Boxring verlässt.

Denn Christy Martins größte Gegner waren nicht zwangsläufig die Frauen, die ihr mit Boxhandschuhen gegenüberstanden.

Gegen diese Gegnerinnen gab es Regeln.

Es gab einen Ringrichter.

Und irgendwann ertönte die Glocke.

Für die Kämpfe außerhalb des Rings gab es all das nicht.

Besonders die Darstellung ihrer Homosexualität macht den Film zu einem gesellschaftlich relevanten Zeitzeugnis. Sie erinnert daran, wie selbstverständlich Menschen noch vor wenigen Jahrzehnten vermittelt wurde, ihre Liebe sei „nicht normal“, und welchen Einfluss diese Ablehnung auf ein ganzes Leben haben konnte.

Dabei sollte man die Geschichte nicht vorschnell als Problem einer längst vergangenen Zeit betrachten. Die Frage, ob Eltern das tatsächliche Glück ihres Kindes akzeptieren können oder ob ihnen das Urteil der Außenwelt wichtiger ist, besitzt weiterhin gesellschaftliche Relevanz.

Vielleicht ist deshalb die bitterste Erkenntnis des Films:

Christy musste jahrelang lernen, Schläge einzustecken.

Aber viel früher hatte man ihr bereits beigebracht, einen Teil ihrer eigenen Persönlichkeit zu verstecken.

Sydney Sweeney liefert dafür eine mutige und körperlich beeindruckende Darstellung. Ben Foster macht die zunehmende Kontrolle durch Jim Martin schwer erträglich, und Merritt Wevers Joyce steht stellvertretend für ein gesellschaftliches Umfeld, in dem die Angst vor dem vermeintlich „Unnormalen“ schwerer wiegen konnte als die Frage nach dem Glück des eigenen Kindes.

Der Film ist nicht perfekt. Manche Themen werden angerissen, obwohl sie eine noch tiefere Auseinandersetzung verdient hätten. Doch die Geschichte, die dahintersteht, ist so außergewöhnlich und erschütternd, dass sie lange nachwirkt.

„That’s Why the Lady Is a Champ“ erzählt letztlich nicht die Geschichte einer Frau, die Boxen lernte.

Es ist die Geschichte einer Frau, die lernen musste, für ihr eigenes Leben zu kämpfen.

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