Filmkritik: Burning (Kinostart: 06.06.19)

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Gesehen: 2D, synchronisiert, deutsch, Kino

In Deutschland nahezu unbekannt sind der Cast und Regisseur groß gefeierte Akteure der koreanischen Filmwirtschaft. Trotz dass Lee Chang-dong sich gegen alles gerichtet hat, was er seinen Schülern predigte, hat er mit „Burning“ einen Titelkandidaten für die Oscars 2019 im Bereich „Bester fremdsprachiger Film“ produziert. Auch wenn der Sieg ausblieb, sorgte die Nominierung für enorme Aufmerksamkeit und brachte den regionalen und in Korea gefeierten Stars auch die internationale Schaubühne ein Stück näher. Einer von ihnen, Steven Yaun, hat bereits an dieser geschnuppert und ist mit seiner Hauptrolle in „The Walking Dead“ mittlerweile weltbekannt. Yoo Ah-In hatte seinen Durchbruch mit der Fernsehserie „Sunghyunhwan Scandal“, jedoch nur in Korea. Gefeiert wurde er fünf Jahre später für seine Rolle als Bösewicht in „Veteran – Above the Law“, der ihm beste Referenzen für die Zusammenarbeit mit Lee Chang-dong einspielte. Einzig die junge Jun Jong-Seo hatte bisher keine Vorerfahrung und tritt erstmalig ins Rampenlicht. Die Filmstudentin bewarb sich eher aus dem Bauch heraus auf eine Rolle und erhielt sogar gleich die Hauptrolle.

Wieder einmal in Jongsu (Yoo Ah-In) unterwegs um Waren auszuliefern. Mit kleinen Jobs verdient er sich sein tägliches Brot in seinem Heimatdorf, in dass er nach seinem Studium zurückgekehrt ist. Durch Zufall trifft er bei einem seiner Kunden die junge Haemi (Jun Jong-Seo) wieder, mit der er früher gemeinsam zur Schule gegangen ist. Doch erkennt er sie anfangs nicht. Nachdem die Promotion treibende Schulkameradin ihn jedoch anspricht, dämmert es ein wenig. Bezirzend umwirbt sie den Studienabsolventen und drängt förmlich auf ein Wiedersehen und gemeinsames Essengehen. Danach geht alles ganz schnell: Sie verbringen eine feucht fröhliche Nacht miteinander und Jongsu ist überwältigt von diesem Erlebnis. Doch das mögliche junge Glück findet sich sofort in unschönen Verhältnissen wieder, denn Haemi ist im Begriff ihre lang geplante Afrikareise anzutreten und als sie von dieser heimkehrt, sieht sich Jongsu vor noch einer größeren Herausforderung. Am Flughafen in Afrika hat sie einen anderen Koreaner kennen gelernt, mit dem sie sich sofort anfreundet und auf einmal eine Menge Zeit verbringt. Für wen wird sie sich also entscheiden? Hat sie zu Ben (Steven Yaun) vielleicht nicht mehr Gefühle als nur freundschaftliche? Und welches Ansinnen hat der wohlhabende junge Mann, der ihr weit mehr materielles zu bieten hat, als es Jongsu je könnte?

Warum fällt es dir leicht Oberkörperfrei vor Männern zu tanzen? So etwas tun nur Nutten.

Es ist ungewöhnlich, dass eine Schauspielerin beim ersten Filmdreh sofort eine Hauptrolle erhält, doch schon in den ersten Minuten wird klar, weshalb die Entscheidung so getroffen wurde. Vom ersten Moment an verkörpert Jun Jong-Seo eine lebenslustige Frohnatur die absolut authentisch und sympathisch wirkt. Mit wenig Gestik und Mimik schafft sie es das Interesse an ihrer Figur hoch zu halten.
Nicht ganz so stark, aber dennoch ansehnlich hat sich Yoo Ah-In gezeigt. Zu keinem Zeitpunkt sind wirkliche mimische Auffälligkeiten bei ihm zu erkennen und dennoch ist die Rolle so stark angelegt, dass man ständig seine Intention hinter verschiedenen Handlungen hinterfragt und sich in die Gefühlswelt bestens hineinversetzen kann. So ist es wunderbar möglich die Einsamkeit zu empfinden und die Position als fünftes Rad am Wagen nachzuvollziehen. Es wird quasi geschafft eigene Lebenserfahrungen in die Figur hinein zu projizieren.
Generell handelt es sich um eine sehr ruhige und gemächlich erzählte Story, in der die Produzenten genügend Zeit haben, die Charaktereigenschaften der Protagonisten detailreich heraus zu kristallisieren. Es gibt im Prinzip über die gesamte Laufzeit nur drei Schauspieler, und recht selten tauchen unwichtige und sehr klein angelegte Nebenfiguren auf.
Es dauert recht lange, bis die Handlung richtig an Fahrt aufnimmt und bis zu dem Punkt kann das Werk als langweilig und ziellos bezeichnet werden. Lange ist nicht erkennbar, wohin die Reise gehen soll und was der Regisseur und Drehbuchautor überhaupt erzählen wollen. Ab dem Moment in dem Steven Youn in Erscheinung tritt, steigt die Spannung rasant an, denn plötzlich entstehen mehrere Konfliktherde, die insbesondere Jongsus Welt füllen mit Misstrauen und Paranoia.
Mit klugen detailreich ausgefüllten Dialogen werden dem Zuschauer Informationen zugetragen, die nichtssagend wirken und dennoch eine beeindruckende Aussagekraft besitzen. So kann es leicht passieren, dass der Höhepunkt verpasst wird, sofern die Aufmerksamkeit nachlässt. Dies ist jedoch kein Zeichen für einen schlechten oder einfallslosen Klimax. Spätestens zum Ende des Films wird dieser rückblickend von allen bemerkt und es stellt sich heraus, welch tiefgreifende Bedeutung eine bestimmte Szene doch insgesamt einnimmt.
Hierbei sei gesagt, dass der Filmtitel sehr geschickt gewählt ist, da hinter diesem mehr steckt als der Schein anfangs vermuten lässt.
Rein technisch handelt es sich um einen eher minimalistischen Film. Es gibt sehr wenige Schauplätze, kaum Darsteller, wenige Szenencuts sowie kaum merklich musikalische Untermalungen durch Trompetenklänge. Immer wieder wurde mit Licht und Schatten geradezu gespielt.
Am Ende bleibt vor allem die Frage: Was ist wahr, wer hat gelogen? Durch ein allgemeines Geflecht von Lügen ist dieses Rätsel nie gänzlich zu lösen. Abschließend bleibt zu erwähnen, dass ein fantastisches Maß an Menschlichkeit diesen Film besonders macht, sei es in der Liebe, dem Ekel, dem Neid oder der eigenen Grenzüberwindung.
Wer gerne über Handlungen diskutiert, wird an dieser Produktion seine wahre Freude finden, denn es gibt viel Interpretationsspielraum, der den Inhalt wesentlich beeinflusst. So ist es durchaus gut möglich, dass einige Figuren völlig unterschiedlich wahrgenommen werden können. Nach etwas Qual am Anfang durch eine langwierige Einführung, erwartet den Zuschauer ein Meisterwerk des wagen Erzählens!

Humor: 1/10Action: 2/10Erotik: 8/10
Niveau: 9/10Gefühl: 9/10Musik: 4/10
Spannung: 6/10Gewalt: 1/10Idee: 10/10

Gesamtbewertung: 9/10

Viel Spaß im Kino!

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