Filmkritik: The Irishman (Kinostart: 14.11.19)

Ein Film von Martin Scorsese

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Gesehen: 2D, OV, englisch/italienisch, Kino

Die ist momentan in heller Aufruhr, und das wegen eines einzelnen Mannes. Dieser ist verantwortlich für hervorragende Filme, wie TAXI DRIVER, GANGS OF NEW YORK, SHUTTER ISLAND und THE WOLF OF WALL STREET. Die Rede ist natürlich von Martin Scorsese. Aktuell stehen seine Meinungsäußerungen zum Thema Marvel-Filme und ähnlicher Blockbuster in vielerlei Munde hoch in der Kritik. Doch wir möchten hier darauf gar nicht weiter eingehen, da diese Diskussionen völliger Humbug sind. Konzentrieren wir uns also lieber auf sein neustes, schon jetzt hochgefeiertes und heiß ersehntes, Meisterwerk THE IRISHMAN.

Dieser Netflixfilm wird am kommenden Donnerstag den 14.11. in vielen Kinos einmalig ausgestrahlt und erhält schon bald sein Streamingrelease. Hintergrund der gesamten Geschichte ist das Leben von Frank „The Irishman“ Sheeran, der für die amerikanische Cosa Nostra als Auftragskiller tätig war. Dies ist keine erfundene Geschichte, sondern beruht tatsächlich auf realen Geschehnissen.

Veteran Frank Sheeran

Frank lebte von 1920 bis 2003. 1941 wurde er von der USA in den Krieg nach Italien und Sizilien geschickt und hat auch in Deutschland seine Spuren hinterlassen. Laut eigener Aussage war er nämlich am großen Dachau-Massaker im dortigen Konzentrationslager beteiligt. Solche Ereignisse sorgten für das Erlernen entsprechender Grundkenntnisse und Fertigkeiten im Umgang mit Waffen und Selbstverteidigung sowie den Kampfkünsten.

Im mittleren Alter sorgte dann eine Zufallsbegegnung für seine Karriereentwicklung, die dann als wesentlicher Bestandteil in THE IRISHMAN thematisiert werden. Ein weiterer elementarer Handlungsstrang sind die intriganten Machenschaften und das spurlose Verschwinden von Jimmy Hoffa, welcher bereits 1992 im gleichnamigen Film von Danny DeVito fokussiert wurde.
Doch welche Verbindung hatten Jimmy und Frank tatsächlich?

Ein Glorreiche Mafiakarriere

Als Frank (Robert De Niro) mal wieder seinem Job als Fleischlieferant nachgeht, streikt auf einmal sein Truck mitten auf der Straße. Nachdem er es irgendwie geschafft hat diesen noch an die nahegelegene Raststelle zu schieben, versucht er mit eigenen Fertigkeiten das Problem zu finden. Kopfüber unter der Motorhaube versteckt, schallt eine freundliche Stimme an sein Ohr, die ihm seine Hilfe anbietet. Russel Bufalino (Joe Pesci) hilft ihm den Fehler zu lösen und den Truck wieder zum Laufen zu bringen. Dies war rückblickend der erste Kontakt für Franks neues Leben. Von nun an steht ihm die Tür offen für die italienische Mafia in Amerika zu arbeiten.

Über Russel lernt Frank auch Jimmy Hoffa (Al Pacino) kennen, der als Gewerkschaftsführer einen engen Draht zur Cosa Nostra hegt. Während Frank in der Mafia stetig mehr Ansehen genießt, entwickelt sich zwischen ihm und Hoffa ebenfalls eine gute Freundschaft und aus seinem beruflichen Zwang als Bodyguard wird ein persönliches, einzigartiges Vertrauensverhältnis… bis Frank an einen Scheidepunkt der gemeinsamen Machenschaften gerät.

Keine leichte Kost

Hui… einmal kräftig durchatmen und das Sitzfleisch erholen! Mit gut 3,5 Stunden Spielzeit, zählt THE IRISHMAN absolut nicht mehr zur leichten Kinokost. Und ehrlich gesagt ist dies ein Film, der ins Kino gehört, denn es scheint mir schier unmöglich zu Hause bei Netflix die Aufmerksamkeit so lange aufrecht zu erhalten. Nicht nur, dass die Filmlänge eher ungewöhnlich ausgedehnt ist, dazu kommt noch, dass die Handlung sich sehr langsam und gemächlich entwickelt. Wo kann man solch ein Werk also besser genießen als im gemütlichen Kinosessel?

Die größte Hürde wird wohl für die meisten werden, dass THE IRISHMAN in mehreren Zeitebenen gleichzeitig erzählt wird. In der ersten wird Robert De Niro als alter, offiziell 70, im Film jedoch eher aussehend wie 85-Jähriger, Mann im Pflege- oder Altersheim gezeigt. Dieser erzählt, in Erinnerungen schwelgend, von seiner Geschichte bei der Mafia. Anfangs wird ein Blick etwa 20 Jahre in die Vergangenheit geworfen, kurz darauf sogar noch einmal weitere 20 Jahre zurück.

Die Verwirrungstaktik der vielen Informationen

Hat man sich nun durchgerungen diese Spieldauer und die teilweise nicht ganz durchsichtigen Zeitsprünge zu verkraften, erwartet den Zuschauer jedoch ein ganz spezielles Meisterwerk. Stark angelehnt an DER PATE, ist es ausgesprochen interessant den Werdegang des Bürgers Frank Sheeran zu verfolgen. Gleichermaßen in englischer als auch italienischer Sprache gedreht, ist nach JOKER und demnächst DER LEUCHTTURM auch hier eine Form der Charakterstudie im Fokus der Handlung. In kleinen Bröckchen werden dabei dem Zuschauer die Informationsfetzen zugeworfen. Dieser soll sich Stück für Stück immer weiter in die Figur hineinfühlen können und erkennen, wie aus einem gefühlvollen und freundlichen Protagonisten ein prinzipientreuer und kaltblütiger Antagonist wird.  

Während anfangs sich jede Erzählebene ausschließlich mit Robert De Niros Figur beschäftigt und sie zur alleinigen Hauptfigur kürt, wird im letzten Abschnitt viel eher die Position von Al Pacinos Charakter erzählt und De Niro weiter und weiter in den Hintergrund gerückt. Doch diese Beiden sind bei weitem nicht die einzigen Darsteller, die den Film über zu sehen sind. Alle Naselang wird das Bild kurz eingefroren, um ein neues Mitglied der Mafia vorzustellen, stets versehen mit Namen, Todesursache und Todestag. Auch hier ist es leicht den Überblick zu verlieren, welche Charaktere tatsächlich wichtig für die weitere Handlung sein werden und welche getrost vergessen werden können.

Es ist schier unmöglich festzustellen, wer von den Protagonisten denn tatsächlich am Besten agiert hat. Einfach jeder seine Rolle in exzellenter Bravour verkörpert. Auch zu nennen ist hier Joe Pesci, der mit völliger Hingabe die schwere Aufgabe übernahm einen einfühlsamen und zugleich gnadenlosen Mafiaboss zu mimen.

Ansehnlich und doch unspektakulär

Wer ein großes Spektakel erwartet, ist bei THE IRISHMAN leider falsch. Die meiste Zeit besteht vor allem aus endlosen Dialogen und Monologen. Mit dezenter Hintergrundmusik, ruhigen und kaum wechselnden Bildeinstellungen und eher simpler Bildgestaltung, besteht die Gefahr der Eintönigkeit und liefert doch gleichzeitig die Grundstimmung für den Film. Sporadisch werden kleine Actionszenen eingestreut, die vor allem aus zweitklassig ansehbaren Explosionen und vielen Kopfschüssen bestehen. Diese sind auch der wesentliche Grund, warum eine FSK 16 vollkommen unumgänglich ist.

Eine wirklich starke, wenn letztlich doch total belanglose Szene entsteht, als Jimmy Hoffas Frau gegen Ende hin in ihr Auto einsteigt und plötzlich der Verdacht aufkommt, es könne eine Bombe im Auto geben, die mit Starten des Motors auslöst. Absolut lapidar, da die Schauspielerin einfach nur in ihrem Auto sitzt und den Startvorgang verzögert. Exakt mit dem Moment als sie den Schlüssel in die Zündvorrichtung steckt, stoppt auf einmal die stimmungsvolle Hintergrundmusik und völlige Ruhe ist im Raum. Dieses Momentum erzeugt mehr Spannung, als es der ganze restliche Film je geschafft hat. Selbst das eigene entspannte Wippen des Fußes friert in Sekundenschnelle ein. Gar der ganze Saal wirkt wie in Schockstarre.

Ein Epos findet sein Ende

Gen Ende hin wird die Handlung generell etwas aufregender und rasanter. Fraglich ist, ob die stundenlange Vorberichterstattung nötig war, um das doch recht aufreibende und für unwissende überraschende Ende zu instruieren. Nichts desto trotz wurden ausnahmslos alle Zusammenhänge auf den Tisch gelegt, die das, zwar unspektakuläre, aber dennoch spannende Ende einleiten. Einen wesentlichen Höhepunkt gibt es dennoch nicht wirklich. Etwas fraglich ist auch die Sinnhaftigkeit der ersten Zeitebene. Diese umschließt zwar die gesamte Geschichte,  die jedoch auch hätte wunderbar über die zweite  erzählt werden können. Vielleicht wollten die Produzenten damit nur beweisen, dass Robert De Niro nicht nur jünger animiert, sondern auch erfolgreich in eine deutlich ältere Rolle gesteckt werden kann.

Insgesamt bleibt nur zu sagen, dass THE IRISHMAN sich sehr in Richtung DER PATE orientiert. Sowohl was die Stimmung angeht als auch die Handlung. Ein unechtes Biopic über einen Mann, der viel in seinem Leben erreicht hat und dennoch stets unter dem Radar geblieben ist. Spannung und Dramatik flammen nur selten auf und dennoch schafft es das Werk stets die Neugier hochzuhalten und mit humorvollen Einschüben, wie einem Fluss als Endlager aller benutzter Tatwaffen, auch ein wenig Abwechslung zu erzeugen.

Humor: 2/10 Action: 3/10 Erotik: 1/10
Niveau: 7/10 Gefühl: 3/10 Musik: 8/10
Spannung: 3/10 Gewalt: 5/10 Idee: 6/10

 

Gesamtbewertung: 6/10

Viel Spaß im Kino!

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