Filmkritik: Yesterday (Kinostart: 11.07.19)

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Gesehen: 2D, synchronisiert, deutsch, Kino

Als sich 1956 in Liverpool die Band „The Quarrymen“ gründete, ahnte noch niemand, dass hiermit die Basis für die erfolgreichste Band der Welt geschaffen wurde. Nach einigen belanglosen Auftritten mit immer wechselnden Bandmitgliedern, lernt der Bandleader John Lennon am 06. Juli 1957 (also fast genau vor 62 Jahren) Paul McCartney kennen. Am 18. Oktober desselben Jahres hatten beide ihren ersten gemeinsamen Auftritt. Bis zum Herbst 1960 trat die Gruppe weiterhin unter dem alten Bandnamen auf, wobei er gen Ende immer wieder gewechselt wurde. Erst in dem Jahr entstand aus der gedanklichen Verknüpfung des Musikstils Beat und dem englischen Wort für Käfer (in Anlehnung an die Band „The Crickets“) der Bandname „The Beatles“.
Mit ihrem wohl größtem Song schrieben sie Geschichte, denn Yesterday steht noch heute auf der Rolling-Stone-Liste der 500 besten Songs aller Zeiten auf dem sagenhaften 13. Platz.
Angesichts dieses Musikphänomens hat sich Danny Boyle dem nicht biografischen Film über die Songs der Beatles angenommen und zusammen mit dem Drehbuchautor Richard Curtis den Versuch gestartet die legendären Songs zum Leben zu erwecken. Dafür hatte der Oscar-Gewinner Boyle beste Voraussetzungen, denn aktuell schwimmt er geradezu auf einer Erfolgswelle. Angefangen mit seinem Welterfolg „Slumdog Millionär“ über „127-Hours“ bis hin zu „Steve Jobs“ und den beiden „Trainspotting“-Filmen, hat Boyle bereits großes für die Filmgeschichte geleistet.

Im Lied von Udo Jürgens heißt es: „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an.“
Das trifft auf den indisch-britischen Singer und Songwriter Jack Malik (Himesh Patel) nicht ganz zu, denn bei ihm startet dies schon mit gerade einmal 27 Jahren von neuem. Nach seinem erfolglosen Start in die Musikkarriere, nur wenigen persönlichen Fans und der verzweifelten Suche nach dem Partner fürs Leben, verändert ein Autounfall alles für ihn. Nach dem er mit seinem Fahrrad nach Hause fährt, wird er von einem kleinen Bus erwischt, während Sekunden vorher der gesamte Strom weltweit ausgefallen ist. Nur einen Moment nach dem Unglück schaltet sich dieser wieder ein. Als Jack wieder zu sich kommt, liegt er im Krankenhaus mit einer zerstörten Gitarre und zwei Zähnen weniger. Während seiner Genesungsphase denkt er darüber nach, wie sich sein weiteres Leben gestalten soll und ob er doch lieber wieder der Musikerkarriere abschwören und als Lehrer arbeiten sollte.
Als kleines Willkommensgeschenk sind sich seine Freunde nicht zu verlegen für ein wenig Galgenhumor, überraschen ihn jedoch auch mit einer nigelnagelneuen Gitarre. Zur Einweihung dieser sei laut Jack auch ein großer Song notwendig. Als er beginnt zu spielen, lauschen die Freunde gespannt dem Titel „Yesterday“. Als er den Song beendet sind alle völlig begeistert und fassungslos zugleich und wollen von ihm wissen, wann er dieses Meisterwerk geschrieben hat. Doch Jack muss völlig verwirrt zugeben, dass dieses Stück nicht von ihm, sondern von den Beatles ist, doch niemand vor ihm kennt diese Band. Ratlos und verärgert über diesen albernen Scherz, beginnt Jack erste Nachforschungen und muss zu seinem Entsetzen feststellen, dass niemand auf der Welt, die wohl berühmteste Band aller Zeiten kennt. Somit macht er es sich zum Ziel der Welt die einzigartigen Musikstücke zu präsentieren und schafft es dabei selbst zum größten Musiker aller Zeiten zu werden. Doch reicht ihm dieser Erfolg oder sehnt er sich eigentlich nach ganz was anderem?

Du musst aufhören so zu tun, als wären wir in einer spannenden Story mit einem großen Ende! Wir sind in einer langweiligen Story mit einem kleinen Ende!

Nachdem mit „Bohemian Rhapsody“ und „Rocketman“ vor kurzem bereits zwei recht unterschiedliche Arten von Biografien auf den Markt geschmissen wurden, in denen zwar die Musik im Vordergrund der Handlung stand, aber trotzdem wesentlich mehr Wert auf die Leidensgeschichte der betroffenen Musiker gelegt wurde, ist es nun sehr angenehm in einer Hommage an die Beatles einfach und unverblümt die Musik genießen zu können und dabei eine rundum amüsante und unterhaltsame sowie auch berührende Geschichte genießen zu dürfen.
Komponiert von Daniel Pemberton weist der Film eine enorm starke Taktung von populären Beatles Songs auf.
Den Zuschauer erwartet eine absolut runde Story, die eine angemessene Ausgewogenheit von Humor, Romantik und toller Musik innehat. In den Hauptplot wird recht schnell eingeleitet, womit sich der Anfang nicht unerträglich ewig in die Länge zieht. Insbesondere gefällt die gelegentliche Feststellung, dass die Beatles nicht das Einzige sind, dass nicht mehr existiert und die daraus folgenden Suchergebnisse, die der Protagonist bei Google findet. Eine wirklich süße Idee, die immer wieder für einen Lacher gut ist.
Auch das Spiel mit dem Bewusstsein der Zuschauer der Epik eines bestimmten Songs und der Aufnahme von Leuten, in deren Köpfen dieser Titel noch nicht existiert, ist absolut fabelhaft gelungen. Es entstand ein richtiger Gänsehautmoment bei der erstmaligen Präsentation des Songs „Let it be“.
Auch technisch hat die Produktion einiges zu bieten. Wichtige Szenen werden zum Beispiel durch Nahaufnahmen charakterisiert. Zeitgleich werden aber auch die verschiedensten Variationen von Perspektiven genutzt, die den Film niemals langweilig werden lassen.
Wunderbar war die sprachliche Findungsphase des Songs „Eleanor Rigby“, welche durch bildhafte Ausschmückung einen bleibenden Moment darstellt.
Doch war nicht alles perfekt. Zum einen war der Film viel zu schnell zu Ende, trotz zweistündiger Laufzeit. Gerne hätte man noch viel länger mit der großartigen Karriere des Jack mitgefiebert, die grandiosen Songs genossen und die Liebesgeschichte der zwei Protagonisten verfolgt. Zum anderen wirkt die Hauptfigur manchmal ein wenig zu teilnahmslos.
Zum Filmende gibt es an sich nicht viel zu sagen, außer dass es eine kleine Überraschung bereithält, die wohl eher unüblich in dieser Filmsparte ist. Die Produzenten haben sich Mühe gegeben den Twist ein wenig anders zu gestalten und damit absolut Erfolg gehabt.
Insgesamt bleibt ein wirklich harmonisch unterhaltsamer Film mit tollen Schauspielern, die eine phänomenale Arbeit abgeliefert haben. Insbesondere Lily James hat wieder einmal absolut von sich überzeugt. Wer mit schlechter Laune kommt, wird definitiv mit guter wieder gehen und im Gegensatz zu den anderen beiden Musikfilmen, die das Kinojahr 2019 prägten, versucht der Film nicht eine wahre Geschichte mit Müh und Not spannend zu vermitteln, sondern erzählt einfach seine eigene feel good Story und liefert trotzdem eine Verbeugung vor einem hervorragenden Künstlerquartett. Somit ist dies ein absolut sehenswerter, wenn auch stellenweise leicht kitschiger Film und es lohnt sich auf jeden Fall das nächste Kino aufzusuchen!

Humor: 6/10Action: 1/10Erotik: 2/10
Niveau: 8/10Gefühl: 9/10Musik: 10/10
Spannung: 2/10Gewalt: 0/10Idee: 10/10

Gesamtbewertung: 10/10

Viel Spaß im Kino!

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