Filmkritik: Der Leuchtturm (Kinostart: 28.11.19)

Ein Film von Robert Eggers

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Originaltitel: The Lighthouse
Gesehen: 2D, OmU, englisch, Kino

Die ersten Leuchttürme gab es bereits vor der Geburt Christi. Seit über 2200 Jahren sind sie ein Bollwerk, dass für Sicherheit auf den Meeren sorgt und die Faszination der Menschen auf sich zieht. Trotz stetiger Entwicklung der Technik und neuen Sicherheitssystem auf Schiffen, werden diese Türme weiterhin als Absicherungen betrieben. Als Navigationshilfe, dienten sie in der Vergangenheit vor allem dem Schutz der Schiffe vor dem bitteren Aufprall auf ungesehenes Festland. Heute werden sie teilweise zweckentfremdet und umgerüstet zu Besichtigungstürmen, Restaurants und Veranstaltungsorten.

Der Leuchtturm als Bauwerk der Jahrtausende

In DER LEUCHTTURM von Robert Eggers geht es um genau solch ein prächtiges Bauwerk am Ende des 19. Jahrhunderts. Drehort und Schauplatz für den Film ist eine kleine Insel in der kanadischen Provinz Nova Scotia, auf der extra ein 20 Meter hoher Leuchtturm vom Filmteam errichtet wurde. Nur wenige Darsteller sind im gesamten Werk zu sehen, doch diese haben es in sich: Robert Pattinson als Übergangsgehilfe und Willem Dafoe als Leuchtturmwärter werden einzig und allein noch durch Valeriia Karaman ergänzt, die in nur sehr wenigen Szenen einen kurzen Auftritt erhält.

Während die Eggers-Brüder bisher eher aus Kurzfilm-Produktionen bekannt sind, haben die beiden Hauptdarsteller schon deutlich mehr Filmerfahrung zu bieten. Willem Dafoe hat allein in diesem und letzten Jahr mit VAN GOGH – AN DER SCHWELLE ZUR EWIGKEIT und AQUAMAN zwei namhafte und im ersten Fall überragende Rollen gespielt. Auch Robert Pattinson macht derzeitig von sich reden mit der Netflixproduktion THE KING und als zukünftiger BATMAN-Darsteller im DC-Universum.

Zwei Darsteller, ein Leuchtturm, gut zwei Stunden Spieldauer, was gibt es da schon zu erzählen? Wie Robbert Eggers beweist, sehr viel! Tom Wake (Willem Dafoe) und Ephraim Winslow (Robert Pattinson) treten gemeinsam eine vierwöchige Schicht auf einem Leuchtturm an, auf einer Insel, auf der es weit und breit nichts anderes gibt als den Leuchtturm und ein kleines Lagerhäuschen. Während Tom als griesgrämiger Tyrann mit all seiner Seemannserfahrung und der langjährigen Turmwache, das Zepter in die Hand nimmt, muss Ephraim sich um die unangenehmeren Arbeiten kümmern, die solch ein Unterfangen hervorruft. Das Licht wirft somit schon an den ersten Tagen unangenehme Schatten auf.

Während Ephraim sich also abrackert entsteht ein Groll in ihm, da auch er sich einmal um das Licht des Leuchtturms kümmern möchte. Beide Männer werden zunehmend verstimmter durch die lange gemeinsame Zeit, doch der Alkohol besänftigt stets die Gemüter. Mit alten Seemannsliedern und aufregenden Geschichten und Mythen verbringen sie die gemeinsame Zeit. Doch gerät Ephraim zunehmend aus der Fassung und immer wieder umschwirren ihn Halluzinationen. Schließlich gelangt noch eine Hiobsbotschaft zu ihm, die dem Wahnsinn nun völlig freien Lauf lässt.

DER LEUCHTTURM zählt wohl schon jetzt zu den besten Filmen des Jahres, nicht nur durch seine gespenstische Stimmung, die dem Zuschauer von Beginn an in Unbehagen wiegt. Ungewöhnlich kommt er daher, da das Werk nicht nur in schwarz-weiß gedreht wurde, sondern vielmehr auch in einem klassischen Bildformat der 20er Jahre. Im ungewöhnlichen 1,19:1 Format erzeugt der Film schon bildlich eine visuelle Zeitreise in eine längst vergessene Kinozeit. In den ersten Szenen wurden zudem noch übliche Bildfehler der damaligen 35 Millimeterproduktionen eingearbeitet, die jedoch im weiteren Verlaufe nicht mehr zu sehen sind. Abgesehen davon wird stets der Eindruck erweckt, dass DER LEUCHTTURM eigentlich schon vor mehr als 70 Jahren gedreht wäre und jetzt erst aus der Mottenkiste aufgetaucht ist.

Wo fängt man also an ein Meisterwerk zu beschrieben? Bei der Stimmung? Düster, beengt und in der Tiefe der Nacht gefangen leitet das Werk den Zuschauer in eine beklemmende Umgebung der Hoffnungslosigkeit. Gleichzeitig entstehen immer wieder Lichtblicke, die die Sehnsucht nach Freiheit schüren. Angeblich wurden weder Wind- noch Regenmaschinen eingesetzt um die Unwetter, die für den Verbleib des Protagonisten auf der Insel verantwortlich waren, zu imitieren. Dennoch sind diese so verheerend und verwüstend, dass sie wesentlich zur Atmosphäre beitragen. Kleine und enge Räume mit simpler und dennoch passender Ausstattung werden spärlich beleuchtet und sorgen dabei für das richtige Ambiente.

Das tiefdröhnende und alles übertönende Nebelhorn schallt immer wieder mit durchschlagender Kraft durch den Kinosaal. Die einschüchternde Geräuschkulisse, wesentlich hervorgerufen durch die vielen Unwetter und dem Zerschellen der Wellen an den Klippen, lässt stets die Spannung steigen und unterstreicht die Stimmung bestens. Dies wird nur noch getoppt von den Dia- und Monologen, die zwar recht bescheiden ihren Einsatz finden und dennoch herausragend geschrieben und inszeniert sind. Vor allem fällt hierbei Willem Dafoes leichter Sprechgesang in vielen Szenen auf, der häufig mit fantastischen Vergleichen untermalt wird.

Generell ist hier eine schauspielerische Meisterleistung beider Darsteller zu entdecken. Während sie in vielen Szenen einfach nur still und starr in der Gegend stehen, als ob sie ein Bild einer Postkarte wären, können sie sowohl in ihren Soloauftritten als auch gemeinsam bestens interagieren. Insbesondere war die Skepsis anfangs bei Pattinson groß, doch im Verlauf von DER LEUCHTTURM entwickelt sich seine Figur absolut prächtig, und er mit der Figur. Seien es die kleinen Ausraster, die auslaugende und Energieraubende Arbeit, schiere Brutalität oder Heiterkeit oder die unerträgliche Einsamkeit, souverän erobert Pattinson die Leinwand und die Aufmerksamkeit der Zuschauer für sich.

Doch Willem Dafoe ist nicht weniger nennenswert, denn er sorgt durch die grimmige und sture Figur erst für die Grundstimmung. Während zwar große Teile der Gesichter beider Darsteller versteckt sind unter einem üppigen Bart und einer zerzausten Mähne, sind doch immer wieder die ganz besonderen mimischen Eigenheiten zu entdecken, die vor allem bei Dafoe richtungsweisend sind. Besonders nennenswert ist dabei wohl die Leistung während er zu Füßen von Pattinson im Schlamm kriechen muss und seiner Figur somit auch noch den letzten perfekten Schliff verleiht.

Die Beiden bauen zusammen ein Werk auf, in dem es wenig Handlung, nur einen Schauplatz, kaum merkliche musikalische Untermalungen und requisitenarme Bilder gibt. Für viele damit schon ein absoluter Flop der Filmkunst, doch nicht hier, wo aus den wenigen gegebenen Mitteln eine Charakterstudie par excellence entsteht. Beide Figuren entwickeln sich extrem rasant und doch zugleich so langsam, dass es kaum merklich scheint.

Es ist somit eigentlich alles angerichtet für einen perfekten Film… Wäre da nur nicht wieder die finale Szene. An sich ist sie zwar ein Sinnbild von all dem, was zuvor geschehen ist, doch entstehen hier einige Ungereimtheiten, die nicht so ganz dem bombastischen Finale entsprechen, welches durch die aufgebaute Erwartungshaltung angekündigt wurde. Schon mitten im Geschehen gibt es eine Szene, die absolut nichts für Tierfreunde ist, doch auch am Ende sollten alle zartbesaiteten besser die Augen für einen Moment schließen, während Pattinson seinen finalen cineastischen Siegeszug antritt.

Schon jetzt als Thriller des Jahres zu bewerten, hat der Film den Zuschauer einmal eingefangen und nie wieder losgelassen. Zwar wirken schwarz-weiß und fast schon quadratisches Bildformat auf die breite Rezipientenmasse abschreckend, sorgen jedoch für eine perfektionistische Atmosphäre, wie es sie nur selten gibt. Ohne Unterbrechungen wird die Spannung stets gesteigert und bis zu einem unerreichbaren Maximum getrieben, ohne dabei je den Faden zu verlieren.
Ein Meisterwerk stellt sich vor und wir hören zu!

Humor: 2/10 Action: 4/10 Erotik: 0/10
Niveau: 8/10 Gefühl: 5/10 Musik: 8/10
Spannung: 10/10 Gewalt: 9/10 Idee: 10/10

 

Gesamtbewertung: 10/10

Viel Spaß im Kino!

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