Filmkritik: Vox Lux (Kinostart: 25.07.19)

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Gesehen: 2D, OV, englisch, Kino

Regisseur Brady Corbet, der 2015 mit dem Film „The Childhood of a Leader” sein Debüt als Regisseur gab, hat sich nun an einem sehr ausgefallenen Film herangewagt. Zusammen mit Größen der amerikanischen Schauspielkunst wie Natalie Portman, Jude Law und Willem Dafoe wurde eine Story aufgebaut, die die Höhen und Tiefen einer Künstlerkarriere wiederspiegelt. Zuletzt hat Willem Dafoe diese ebenfalls durchleben müssen für seinen Film „Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit“, in dem er hervorragend die ernüchternde Karriere des Vincent Van Goghs präsentiere und damit die Zuschauer und Kritiker begeisterte.
Auch Mrs. Portman hat nicht nur einmal ihre herausragenden Qualitäten unter Beweis stellen können und in unzähligen großen Hollywoodproduktionen die Hauptrolle eingenommen. Auch die Darstellung einer Karrierefigur und die damit verbundenen emotionalen Wandlungen sind ihr nicht fremd, denn in „Black Swan“ verkörperte sie eine junge Balletttänzerin, die all ihre Mühen in den Sport steckt, um die prachtvolle und angesehene Hauptrolle zu ergattern, nur um dann im Wahn des Erfolgsdrucks in eine große menschliche Krise zu geraten.
Der absolut nichtssagende Titel „Vox Lux“ wird auch nach Konsumierung des Films nicht unbedingt klarer in der Bedeutung, wenn man nicht genau aufpasst. Der Name kommt von dem letzten großen Album, welches die Künstlerin, über die ihr in der gleich folgenden Zusammenfassung mehr erfahrt, zum Ende des Films ihren Fans präsentiert. Somit nimmt der Titel nur minimal Bezug auf die Gesamtheit der Story. Die Wortschöpfung selbst scheint auch keine weitere Bedeutung zu haben, jedenfalls konnte bis zur Fertigstellung dieser Kritik keine genauere identifiziert werden.

One for the money, two for the show, on three we get ready and on four … come with me.

Der Name der Künsterlin, von der hier die Rede ist, lautet Celeste (Raffey Cassidy, später Natalie Portman). In ihrer Jugend ist sie Zeugin einer schweren Tragödie, bei der an ihrer Schule ein Anschlag verübt wurde, wo unzählige Menschen ihr Leben verloren. Auch sie wurde dabei verletzt. Erschüttert von den Ereignissen findet zu Ehren der Opfer ein Gedenkgottesdienst statt, bei dem Celeste eingeladen ist ein musikalisches Trauerstück beizutragen. Doch aus diesem vermeintlich einmaligen Auftritt verbreitet sich die Musik wie ein Lauffeuer im Land und in kürzester Zeit steigt sie zu glorreichem Ruhm auf. Als gefeierter Popstar darf der Zuschauer nun die Höhen und Tiefen ihrer Karriere verfolgen.

Die ersten Wörter, die einen nach dem Schauen in den Sinn kommen sind wohl ungefähr: „Was zur Hölle ist das?“
Aufgeteilt in vier verschiedene Akte wird eine fiktive Geschichte über den realen Zeitraum von 18 Jahren, von 1999 bis 2017, erzählt. Schon hier entsteht offensichtlich der erste Widerspruch, auch wenn es irgendwie sympathisch wirkt eine Geschichte zu erzählen, die reale Epoche prägende Ereignisse mit Fiktion verknüpft.
Die vier Akte tragen folgende Betitelungen:
(1) Prelude 1999
(2) Act I – Genesis 2000-2001
(3) Act II – Regenesis 2017
(4) Finale – XXI
Auch diese Betitelung kann für einiges an Verwirrung sorgen. Wichtig zum Verständnis ist, dass sich die Handlung um die Musikkarriere der Protagonistin dreht und nicht um irgendwelche enthaltenen Anschläge. Somit stellt der erste Akt dar, woher sie ihre Inspiration zur Musik bekam und wir ihr erster Auftritt die Geschichte ins Rollen brachte. Im zweiten Teil wird dann der heroische Erfolgsmarsch thematisiert. Im dritten geht es dann um den Neubeginn ihrer Karriere nach einer langen Krisenzeit und im Finale findet logischerweise der große Höhepunkt statt. Spekulativ offen bleibt wofür die römischen Ziffern gedacht sind. Eine nahe liegende Vermutung wäre der Bezug zur Jahreszahl 2021, wo die Handlung möglicherweise im letzten Abschnitt spielen könnte. Oder es handelt sich um eine Andeutung auf eine insgesamt 21 jährige Karriere. Weder im Presseheft noch sonst irgendwo wird nach aktuellem Stand diese Frage geklärt.
Abgesehen davon hat Regisseur Brady Corbet einen recht abgedrehten Film produziert, in dem ein herausragender Schauspieler wie Willem Dafoe gerade mal eine Sprechrolle bekommt, um als Off-Stimme niemals selbst in Erscheinung zu treten und in dem Natalie Portman nicht nur vom Drehbuch ins absolute Rampenlicht gestellt wird, sondern sich auch selbst aufbaut, als gäbe es keine bessere Schauspielerin auf Erden als sie. Unweigerlich kommt man an der enormen Präsenz ihrer Figur nicht vorbei, auch wenn man es oftmals gerne würde. Wie schon in „Black Swan“ kann man ihre Rolle als Egotrip charakterisieren. Gleichzeitig erhofft man sich den gesamten Verlauf, eine größere Rolle des wie immer großartigen Jude Laws, doch wird auch er in eine kleine unbedeutende Rolle gedrängt, die kaum weiter auffällt.
Doch die absolut kurioseste Entscheidung in Bezug auf die Besetzung folgt erst noch. Raffey Cassidy spielt in den jungen Jahren (erster und zweiter Akt) die Protagonistin selbst. Diese Rolle wird ab dem dritten Akt von Natalie Portman übernommen. Soweit noch alles gut. Seltsam wird es, als dann Mrs. Cassidy auch nach dem zweiten Akt weiterhin in Erscheinung tritt, diesmal jedoch nicht als Protagonistin, sondern als Tochter der Protagonistin. Diese plötzliche Rollenverschiebung wird dem Zuschauer nur recht schwer klar, woraus folgt, dass dieser die zweite Hälfte des Films vor allem damit beschäftigt ist, zu verstehen wer eigentlich wer ist und was die ganzen Handlungen miteinander zu tun haben sollen.
Doch eigentlich hätte diese Produktion absolut Potenzial gehabt mit einigen Änderungen. Die Eröffnungsszene war eine der Besten, die ich selbst je gesehen habe. So ein extremes Spiel mit den Gefühlen der Zuschauer, schon in den ersten paar Minuten, habe ich zuvor selten gesehen und in völliger Unwissenheit der Handlung, war die dramatische Entwicklung kaum noch zu übertreffen. Nach dem ersten Akt ging es jedoch stetig bergab mit der Spannungskurve und die vollkommene Änderung der Handlung tat dem Film nicht gut, auch wenn zumindest Mut bewiesen wurde, den dramatischen Höhepunkt des Films nicht als Haupthandlung zu thematisieren. Kurz erwähnt werden muss hier die zu Unrecht gegebene FSK von 12, die absolut keine Rechtfertigung findet. Insbesondere die Geschehnisse des ersten Akts sind unzumutbar für jegliche Kinderaugen, insbesondere weil dies eine Konfrontation mit alltäglich möglichen Situationen ist, in denen sich die jungen Menschen befinden. Dieser Film hat auf alle Fälle eine 16er Freigabe verdient, um die weitere Verrohung unserer Jugend zu vermeiden.
Etwas experimentell, aber auch lobenswert, ist das Zeigen des Abspanns, sprich der Auflistung aller am Film Beteiligten, schon im Intro des Films. Dies spricht zumindest für eine angemessene Würdigung aller Mitarbeiter.
Rein technisch gibt es auch einige ansprechbaren Elemente. Teile des Films wurden in einem kleineren 4:3 Format gedreht, welche den Charakter verliehen, dass es sich um eine tatsächliche Begebenheit handelt, die vor einigen Jahren so hätte stattgefunden. Dem ist jedoch nicht so.
Zu Beginn mit noch recht speziellen Kameraperspektiven und harmonisch, gefühlvoller Musik ausgestattet, verliert das Werk im weiteren Verlauf deutlich an Charme durch Vereinfachung dieser Mittel, auch wenn später das Kostümbild etwas mehr an Qualität gewann.
Eine kleine Warnung muss an alle Epileptiker ausgesprochen werden, denn teilweise wird mit recht unangenehmem Stroboskoplicht gearbeitet, welches für entsprechend betroffene Personen schädlich wirken könnte.

Humor: 0/10Action: 6/10Erotik: 2/10
Niveau: 2/10Gefühl: 7/10Musik: 4/10
Spannung: 5/10Gewalt: 6/10Idee: 2/10

Gesamtbewertung: 4/10

Viel Spaß im Kino!

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