Filmkritik: Bis dann, mein Sohn (Kinostart: 14.11.19)

Ein Film von Wang Xiaoshuai

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Filmkritik: Bis dann, mein Sohn (Kinostart: 14.11.19): 1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars 3,00 von 5 Punkten, basieren auf 1 abgegebenen Stimmen.

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Originaltitel: Di jiu tian chang
Gesehen: 2D, OmU, chinesisch, Kino

Das Ende des 20. Jahrhunderts war ein sehr bedeutender Zeitraum in vielen Teilen der Welt. Auch in China fanden große Umbrüche statt. Als wesentlichster Aspekt galt wohl die 1979 eingeführte „Ein-Kind-Politik“, die Paaren mit mehr als einem Kind das Leben sehr schwer machte und die Bevölkerung daher animierte, nicht mehr als ein Kind zu zeugen. Diese weltweit einzigartige Regelung wurde 2016 aufgehoben, womit das Leben vieler Chinesen wohl langfristig verbessert wurde.
Regisseur Wang Xiaoshuai sagt in diesem Zusammenhang über seinen Film: „Die Familien in meinem Film fungieren als Mikrokosmos der chinesischen Gesellschaft der letzten 30 Jahre.“
Dabei finden nicht nur politische Entscheidungen ihren wesentlichen Platz in seinem Werk, sondern auch wirtschaftliche Krisen und Aufschwünge sowie persönliche Lebenserfahrungen.
Nach Parasite aus dem koreanischen Kino, präsentiert sich Asien also erneut auf dem Kinomarkt. 

China im Wandel der Zeit

In dem etwa dreistündigen Familiendrama BIS DANN, MEIN SOHN geht es um Liebe, Freundschaft, Familie, Krisen und Erinnerungen. Im Zentrum von all diesem, befindet sich das Ehepaar Wang Liyun (Yong Mei) und Liu Yaojun (Wang Jingchun), das eng befreundet ist mit Li Haiyan (Ai Liya) und Shen Yingming (Xu Cheng), die gleich nebenan wohnen und im gleichen Betrieb arbeiten. Wie passend, dass beide Paare auch noch gleichzeitig ihre Kinder gebaren und Haohao (Du Jiang) und Xingxing (Wang Yuan) wie Brüder aufwachsen.

Eines Tages sind die beiden Jungs mit ihren Freunden an einer Ebene voller Wasserlöcher, spielen und baden, als es plötzlich zu einem scheinbar unglücklichen Unfall kommt und Xingxing dabei ums Leben kommt. Die Kinder holen zwar schnell Hilfe, doch können die gerufenen Eltern den kleinen Jungen nicht mehr retten. In tiefer Trauer über den Verlust, müssen Liyun und Yaojun lernen ein Leben ohne eigenes Kind zu leben. Erst recht nachdem Liyun bereits dazu gedrängt wurde ihr zweites Kind im Rahmen der Ein-Kind-Politik abzutreiben.
Zwar adoptieren sie noch einmal einen Jungen, der sich jedoch bald von ihnen abwendet. So müssen die beiden ein Leben im extremen Wandel durchstehen. Einzig und allein mit einer immerwährenden Verbindung zu ihren alten Freunden.

Anstrengend und gleichzeitig gefühlvoll

Uff… hier erwartet jeden ein ordentliches Stück schwerer Kost, die nicht so leicht zu verarbeiten ist. Vor allem weil unglaublich viele Fragen offenblieben, deren Erklärungen sich erst mit Hilfe von Regisseur- und Produktionsstudiokommentaren entschlüsseln lassen. Grundlegend handelt es sich eigentlich um eine sehr simple und schlichte Handlung. Diese ist  jedoch so umfangreich verpackt, dass es schwer ist, den roten Faden im Blick zu behalten. Zur Verwirrung tragen da nicht nur die einführenden häufigen Zeitsprünge bei, sondern auch die vielen unverständlichen Namen, die im chinesischen immer in unterschiedlichen Aussprachkombinationen verwendet werden und daher den Anschein erregen, dass plötzlich von einer anderen Figur die Rede ist.

Mit insgesamt vier Zeitebenen wird zusätzlich der Zuschauer ins Ungewisse geführt, da die Übergänge zum Teil kaum merklich stattfinden. Während zwar zwischen Einführungs- und Finalszene mehr als 30 Jahre vergangen sind, gibt es dazwischen noch viel enger liegende Zeitabstände, die recht schwer trennbar voneinander sind. Weiterhin  gibt es eine stets ruhige, fast schon einschläfernde Stimmung, die den gesamten Film anhält und nur zwei Mal einen kleinen Aufreger bereit hält. Es kommt tatsächlich das Gefühl auf, dass die Leidenswege und Freudenzeiten des gesamten Lebens der Protagonisten vom Konsumenten miterlebt werden (müssen). Es ist durchaus spannend solch einen tiefen und ausgiebigen Einblick ins Leben einer chinesischen Familie in der Wendezeit eines Landes zu erhalten.

Langeweile im Direktvergleich zum bitteren Realismus

Leider jedoch fehlt eine spannende Basis. Die Szenen in sich sind fast alle stimmig und inszenatorisch auf hohem Niveau, schaffen jedoch keine vernünftige Symbiose.
Einen dicken Pluspunkt erhält der Film jedoch für die intensive Arbeit mit Subtext und der dezenten und doch klaren Umgangsweise von Informationen, die aus Bildern und Texten gezogen werden. Viele davon werden nie sichtbar eingeblendet und trotzdem ist stets klar, was sie zeigen. Auch der enorme Realismus und der ehrliche ungeschönte Umgang mit dem Alltag ist eine absolute Stärke des Werks.
Auch Schauspielerisch kommt das Werk nahezu makellos daher. Besonders  das Protagonistenpärchen  agiert hervorragend und begeistert auf allen Ebenen. 

Insgesamt also ein recht interessantes Werk mit einigen Schwächen, aber eben auch besonderen Stärken. Auf geschickte, malerische Weise werden Themen wie Reue, Schuld, Vergeben, Trauer, Liebe und familiärer Zusammenhalt aufgegriffen und in eine scheinbar komplexe Geschichte verpackt, die zeitweise doch auch einfach etwas zu lange gezogen ist.
Dies ist somit kein Werk für einen unterhaltsamen, gemütlichen DVD-Abend. Viel eher ist es etwas für Cineasten mit Interesse an der chinesischen Kultur und Lebensweise.

Humor: 0/10 Action: 0/10 Erotik: 1/10
Niveau: 6/10 Gefühl: 6/10 Musik: 5/10
Spannung: 3/10 Gewalt: 0/10 Idee: 8/10

 

Gesamtbewertung: 6/10

Viel Spaß im Kino!

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